ich nenne es arbeit

  • ein paar überlegungen zur thematik:

    1. Die Situation
    Wer von uns träumt nicht davon, einmal in Ruhe die Zeitung zu lesen und nicht von derrationalisierten Zeit gehetzt zu werden? Wer von uns kann es sich heute noch leisten, seineZeit scheinbar sinnlos zu verschwenden und sie nicht den ökonomischen und rationellenSachzwängen unterzuordnen? Heute erscheint gerade dieses zweckfreie verstreichen lassender Zeit als eine wahre Form von Luxus, da unser Leben immer mehr zweckoptimiert ist und
    von Terminplanern und Organizern bestimmt wird. Um aber unsere gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe zu sichern, ist es gleichzeitig immer wichtiger informiert und auf dem Stand der Dinge zu sein. So dass der Zwang wächst, uns über die Ereignisse in der Welt um uns herum zu informieren, sowohl in politischer als auch kultureller, globaler und lokaler Hinsicht. In der Informationsgesellschaft kommt dem alten Gemeinplatz „Wissen ist Macht“ eine immer zentralere Bedeutung zu und intelligentes Informationsmanagement nimmt eine Schlüsselposition in unserem Leben ein. Dazu gehört das Filtern von relevanten Inhalten in der medialen Überflutung, das Erkennen des Wesentlichen und die dem entsprechende Auswahl der Medien, um so die mediale Überreizung zu vermeiden. Welchen Medien kann ich heute noch vertrauen, wie steht um die Qualität von TV undInternet? Wie um die der Printmedien? Sind Blogs eine alternative Quelle zur Informationsbeschaffung? Wie steht es um die Qualität meiner Informationsquellen? Endet das alles in einem medialen weißen Rauschen? Und ist dies alles arbeit? Und was bedeutet überhaupt Arbeit?

    ich nenne es arbeit - performance ansicht

    2. Die künstlerische Position
    Diese Fragen untersuche ich von einer ästhetischen Position aus, die den Künstler nicht in der Rolle eines Lieferanten von schönen, ironischen oder kritischen Kunstobjekten sieht, sondern an ihn die Forderung stellt, spielerisch neue Strategien zur Untersuchung sozialer Prozesse anzubieten, neue gesellschaftliche Rollenmodelle und künstlerische Selbstentwürfe auszuprobieren. Fragen zu stellen, wie heutzutage künstlerische Praxis und Identität noch aussehen könne? Heute, nachdem der erweiterte Kunstbegriff jeden zum Künstler gemacht hat und auch die moderne Kunst auf breiter Basis scheinbar akzeptiert ist? Ist es nicht Aufgabe der Kunst und des Künstlers diesen Status Quo erneut zu unterlaufen und sich den allgemeinen Vorstellungen und Erwartungshaltungen an Kunst und Künstler zu verweigern um so die Frage zu stellen, was denn heute noch ein Künstler, was Kunst sei? Oder ob denn so etwas Banales, Alltägliches wie das Zeitungslesen als ästhetisches Schaffen, als künstlerischer Prozess zu bewerten sei? Was es mit der Geste der Verweigerung von kreativen Klischees, wie der Herstellung eines künstlerischen Objektes auf sich habe? Was es mit der Attitüde der exemplarischen Zeitverschwendung auf sich habe? Die Arbeit im kleinen Bühnenboden versucht Antworten auf diese Fragen zu finden.

    man at work

    3. Das Werk
    Im Februar 2009 werde ich im Kleinem Bühnenboden an der Schillerstrasse in Münster eine künstlerische Arbeit realisieren, die sich mit Zeitökonomie und medialer Überreizung, sowie als Nebenbedeutung der Rolle des Künstlers in unserer Gesellschaft, beschäftigt. Die Arbeit besteht aus drei Komponenten. Zunächst werde ich mich stellvertretend für die unter Stress und Zeitdruck stehenden Bürger fünf Tage lang drei Stunden öffentlich der Lektüre von
    Zeitungen und Magazinen widmen. In einem zweiten Teil der Arbeit werde ich die Thematik in einer raumgreifenden Installation mit Leseinseln und Archiv zum Thema aufgreifen und vertiefen. Ergänzend dazu ist ein Stammtisch der anonymen Kunstabhängigen angedacht, in dem überregionale Fachleute aus verschiedenen Bereichen über die Thematik einer durchrationalisierten Zeit diskutieren sollen, zugleich aber der Interessierten die Möglichkeit zu einer gleichberechtigten Beteiligung an der Gesprächsrunde bietet. Durch die Erstellung einer Dokumentation der Arbeit, in Form einer Internetseite und eines Druckwerkes, wird ein nachhaltiger und weiterführender Diskurs ermöglicht.

  • ich nenne es arbeit - performance ansicht

    das konzept

    ich lese fünf tage lang von 11.00 - 14.00 diverse zeitungen. nach der beendigung der lektüre, werden sie mit den stempeln versehen: “ich lese zeitung auch für sie.” sowie “erledigt” und ich hänge sie an die wand. unter den gestempelten titelseiten hänge ich die zeitungen in umschlägen auf, um sie so für die betrachter zugänglich zumachen. so ergibt sich im lauf der fünf tage eine selbstrefentielle prozessdokumentation in form einer an eine klassische bilderausstellung erinnernde installation.

    ich nenne es arbeit

    ergänzend wird dazu ein stammtisch der selbsthilfegruppe der anonymen kunstabhängigen durchgeführt, in dem jedem interessenten die möglichkeit gegeben wird, fragen die sich durch das projekt ergeben, zu stellen und zu diskutieren.

    eine einführung von siku.

    als film jetzt zusehen bei youtube: teil 1 und teil 2. dank an den regisseur einsiedler.

    ergänzende links:
    zum thema verweigerung(auch künstlerischer rollenmodelle und -erwartungen)
    schach oder von der unmöglichkeit nein zu sagen
    epic oder die gefahren von googlezon
    ergänzend dazu: kurze darstellung von epic - googlezon
    kurzer warnung vor web 2.0, Blogs, usw. von andrew keen, autor des buches “the cult of the amateur”

    eine kurze erwiderung von lawrence lessig, autor von “free culture” (hier ne zusammenfassung sowie link zur online version des buches) zu keen.

    desweiteren mal etwas gegen den kulturpessimismus ala oswald spengler und reich ranicki: everything bad is good for you

    deshalb hier auch mal ne andere art nachrichtenquelle.

    und die frage ob das internet uns blöd macht, wie der spiegel meinte, findet man vorher schon hier behandelt.
    hier nun wieder etwas kritisches zum web 2.0
    rollenmodelle für künstler.

    online journalismus pur

    eine
    betrachtung
    von petra noppeney und ein bericht von manuel jennen zum projekt “ich nenne es arbeit”.

    hier nun die reflektion von ulrike ritter zum thema: Kunst liest wieder, im Falschen, ohne den Grund für Konzeptkunst verloren zu haben.
    Eine Beschimpfung von fast allem und jedem.

    eine betrachtung und reflexion durch teriellblog.

    diese linksammlung wird ständig ergänzt. ausserdem erscheint ein gedruckter reader zum thema.

    ferner wird hier eine art (nicht zu akademisch) literaturverzeichnis(virtuelle links) mit beiträgen, die für die arbeit relevant sind, publiziert.

    boris groys: “der künstler als konsument”, in “shopping”, hrsg. schirn kunsthalle frankfurt
    prophetische schrift zu 2.0 thematik: “der liederhörer”, in franz hohler: “die karawane am boden des milchkrugs” (tb sammlung
    luchterhand 2068).

    gefördert durch: kulturamt münster